Ein Text über Erinnerungen und die Liebe zum Meer – von Helen

Es ist nur ein kurzer Augenblick nur, als ich aus dem Flugzeug steige und die Gangway hinuntergehe. Die Sonne gibt alles, sofort durchströmt mich Wärme. Ein Fön-artiger Wind wirbelt durch meine Haare, die in alle Richtungen fliegen. Ein kurzer Blick nach links – über die Landebahn, ich sehe das Meer und schon kommt der nächste Flieger in mein Sichtfeld.

Rein in den Flughafenbus: Wieder kalt. Sehr kalt, wollte ich eben noch etwas ausziehen, bin ich jetzt froh, dass ich den Reißverschluss meiner Jacke zumachen kann, er harkt. Der Bus ruckelt, hält, aussteigen.

Rein ins Flughafengebäude: Die Luft ist trocken, aber kalt. Kalte Klimaanlagen mag ich nicht. Ein schreiendes Kind rennt an mir vorbei, eine schreiende Mutter hinterher. Ein Vater mit einem Baby auf dem Arm, laut einen Trolley hinter sich herziehend, hinter der schreienden Mutter her. Das Baby glotzt mich mit großen Augen an, dann beginnt es auch zu schreien.

Ich schreie nicht. Ich verlasse das Flughafengebäude und steuere zielsicher den Busbahnhof an. Von dort fahre ich in die Hauptstadt der kanarischen Inseln: Las Palmas de Gran Canaria. Es fühlt sich an, wie nach Hause kommen. Der Wind ist mehr ein Sturm, ein warmer Sturm. Vor blauem Himmel wehen grüne Palmen. Ich höre niemanden mehr deutsch sprechen.

Eine Flugbegleiterin kommt auf hohen Schuhen getippelt, sie ist ganz blass. Hoffentlich hat sie Feierabend, denke ich.
Im Bus ist die Klimaanlage wieder kalt. Also Jacke wieder an. Als der Busfahrer den Motor startet und die Türen schließen, kommt der Vater des schreienden Kindes gerannt. Er schreit jetzt auch. Ich kann ihn aber nicht hören, der Busfahrer auch nicht.

Wir fahren los, immer am Meer entlang. Ich sehe unendlich viele Windräder, manche stehen im Wasser. Einige drehen sich, andere sind still. Vorbei an Bananenplantagen, Gewächshäusern mit Tomaten und Erdbeeren. An den Stränden sehe ich Kite-und Windsurfer.
Dann kommt der Hafen, der letzte bevor die Schiff Europa verlassen und auf den offenen Nordatlantik fahren. Erst die großen Containerschiffe, die auf Einlass ins Hafengelände warten, dann der Segelhafen und zum Schluss einige Militärboote. Und dann: Kreuzfahrtschiffe. Heute sind es drei: Aida, Mein Schiff und eines mit norwegische Flagge. Ich bin fasziniert und angeekelt zugleich.

Ich steige am Platz „Santa Catalina“ aus. Riesige Palmen, Cafés und Zeitungskioske, ältere Herren, die im Schatten an Tischen Schach und Karten spielen. Blühende Blumenbeete und ältere Damen mit bunten Hüten.
Eine Figur inmitten eines Blumenbeetes erinnert an Lolita Pluma, die sich einst um wilde Katzen gekümmert hat.

Als ich zu Hause ankomme, renne ich fast die Treppen in den vierten Stock hoch. Ich muss dringend aus meinen Berlinerwinter-Sachen raus. Keine zehn Minuten später stehe ich in meinem Lieblingskleid am Meer, atme tief die salzige Luft ein. Hallo Sommer, sage ich ganz leise und höre ein schreiendes Kind, das von einer schreienden Mutter und einem Vater mit einem schreienden Baby auf dem Arm, verfolgt wird.

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Noch mehr Momente gibt es in meinem kürzlich erschienen Buch GEDANKENSPIELE.
Sich einfach nur erinnern kann ja jeder, dachte ich mir und wechselte die Perspektive, stellte mir die Frage, wie denn die Beteiligten diese besonderen Momente wohl empfunden haben könnten. Was haben sie gedacht und was gefühlt? Für 26 emotionale Situationen finde ich Antworten, die berühren, uns unterhalten und zum Nachdenken anregen – immer begleitet von einem Lachen.

GEDANKENSPIELE gibt es bei Hain&Kladow.

 

(Text und Bilder: Helen Arnold)